Integrationsarbeit

Zu den zentralen Aufgaben des Deutschen Roten Kreuzes gehört es, schutz- und hilfebedürftigen Menschen bei der Realisierung ihrer gesellschaftlichen Teilhabechancen und der Wahrnehmung ihrer Rechte zu unterstützen.

Migrationsberatung

Die Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer (MBE) ist ein ergänzendes Angebot. Sie richtet sich an Menschen mit Migrationshintergrund, die voraussichtlich auf Dauer in Deutschland leben. Die MBE unterstützt in allen Angelegenheiten. Im Mittelpunkt der Beratung steht die einzelfallbezogene, individuelle Förderung. Ziel ist es, Menschen mit Migrationshintergrund in ihrer Fähigkeit zur eigenverantwortlichen Lebensführung zu unterstützen, sie zu stärken und ihre Lebenssituation langfristig zu verbessern.

Gefördert durch:

Ansprechpartner

Motassem Shahhoud

Sprechzeiten: Mittwochs von 8:30 Uhr bis 17:00 Uhr

Telefon: 01512 5085457
Mail: mbe(at)drk-weserbergland(dot)de


Auszug aus unserem Jahresbericht 2023
 

„Wir können durch unsere Arbeit 
Menschen retten“ 

Deutschland ist für viele Flüchtende, Asylsuchende und ihre Familien ein attraktives Ziel. Ein funktionierender Rechtsstaat und ein intaktes Sozialsystem bieten Menschen, die alles verloren haben und aus ihrer Heimat aufgrund von Krieg, Vertreibung oder politischer Verfolgung fliehen mussten, bessere Rahmenbedingungen für eine individuelle Zukunft. Dennoch gibt es auch für die Ankommenden in Deutschland viele Hürden und Hemmnisse, die einer einfachen Integration zunächst im Wege stehen. In Holzminden in der Neuen Straße bietet der DRK Kreisverband Weserbergland deshalb eine Migrationsberatung an. 

Der Syrer Motassem Billah Shahhoud ist Ansprechpartner für u.a. Flüchtende, Asylsuchende, Spätaussiedler sowie deren Ehegatten, Ausländer, die nach den §§ 44, 44a AufenthG zur Teilnahme am Integrationskurs berechtigt oder verpflichtet sind und EU-Bürger. Er weiß, wovon er spricht, denn er hat diese Situation und die Anstrengungen einer Integration nach Deutschland selbst erlebt. Shahhoud lebt seit neun Jahren in Deutschland, ist verheiratet mit einer Syrerin und besitzt eine doppelte Staatsbürgerschaft.  Der 34-jährige Jurist hat zwei Masterabschlüsse in Strafrecht, einen in Syrien und einen in Deutschland. 

 

Bevor er beim DRK in die Migrationsberatung eintrat, arbeitete Shahhoud vier Jahre in der Jugendanstalt in Hameln. Dort hatte er vorwiegend mit kriminell gewordenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu tun. Die Erfahrungen, die Motassem Shahhoud dort machen konnte, haben seine berufliche Entwicklung geprägt. Immer wieder trieb ihn die Frage um: „Warum wird man in einem so frühen Lebensalter kriminell?“ 

Die Antwort ist gleichzeitig simpel als auch kompliziert und sie stellt konkrete Anfragen an das Integrationsmanagement in Deutschland. „Wenn man keine Perspektive hat, kurzfristig keinen Aufenthaltstitel bekommt und deshalb keine Aussicht auf eine Anstellung oder eine eigene Wohnung hat, dann leiden das Selbstbewusstsein und die Lebenszuversicht. Wenn man in dieser Situation zu viel Freizeit hat, mit der man aus vielen Gründen nichts Sinnvolles anfangen kann und dann an falsche Freunde gerät, die vielleicht die persönliche Notlage für Ihre Zwecke ausnutzen, ist der Schritt in die Kriminalität oder die Drogenszene nicht mehr weit.“ 

 

Dieser deprimierenden Situation setzt er seine Erfahrungen in der JA sowie der Migrationsberatung entgegen: „Wir können mit unserer Arbeit wirklich Menschen retten, wenn es gelingt, für einen Jugendlichen oder Erwachsenen einen guten Weg in die Gesellschaft zu finden und wir diese Person individuell begleiten können.“

Mit dieser aus eigener Erfahrung und beruflicher Kompetenz erwachsenen Motivation bewarb er sich beim Deutschen Roten Kreuz. Am DRK gefällt ihm vor allem die politische und die ethische Ausrichtung. „Wir sind in erster Linie Menschen. Egal welche Hautfarbe, welche Nationalität, welches Geschlecht und welchen Glauben wir haben. Und der Auftrag, jedem einzelnen Menschen zu helfen, ist für mich eine tägliche Motivation.“ Genauso wichtig ist ihm in diesen Zeiten die Neutralität. „Die wenigsten Kriegsflüchtlinge und Asylsuchenden sind für die Verhältnisse in ihren Heimatländern verantwortlich. Wir sollten diesen Menschen als Gesellschaft eine echte Chance geben. Natürlich müssen auch die Migranten aktiv eine entsprechende Integrationsleistung erbringen und sich darüber hinaus an die geltenden Gesetze und Regelungen halten.“  

 

Rund 290 Einzelpersonen und Familien hat er durch den Behördendschungel und das Gesundheitssystem begleitet, allein im letzten Jahr 23 Menschen zu einer Arbeitsstelle  verholfen. „Diese Personen können nun für sich selbst sorgen, zahlen Steuern, haben Wohnungen gefunden und leben nicht mehr in Einrichtungen.“ 

Zu seinem Klienten oder Ratsuchenden, wie er seine „Kunden“ nennt, gehören Single-Männer, Familien und alleinerziehende Frauen aus mehr als 30 Nationen. Seit 2022 sind auch sehr viele ukrainische Flüchtlinge darunter. Seine Arbeit ist vertraulich, er unterliegt der Schweigepflicht. Die Beratung ist für Interessenten und spätere Klienten freiwillig und kostenlos. „Wir müssen in jedem Fall erst das Vertrauen zu den Ratsuchenden aufbauen.“ 

Gemeinsam mit seinem Kollegen Tim Gebken, der sich um die unter 27-jährigen kümmert, haben sie eine Menge Arbeit. Der tägliche Terminkalender ist voll. Im Notfall oder wenn Fristen eingehalten werden müssen, bekommt jede und jeder Ratsuchende einen Termin innerhalb 48 Stunden, sonst dauert es je nach Dringlichkeit vier bis maximal sieben Tage.

 

Wichtig für den Erfolg der Migrationsberatung ist eine enge Netzwerkarbeit mit Trägern, die ebenfalls in diesem Bereich tätig sind. Dazu gehören die Ankunftszentren der Landkreise Hameln-Pyrmont und Holzminden, die Anbieter von Deutschkursen, Familienzentren, Flüchtlingsunterkünfte, Jobcenter, Ausländerbehörden und die Jugendanstalt. „Wir stellen uns dort regelmäßig vor und berichten über unsere Arbeit. Und die Träger verweisen Ratsuchende oder Notfälle an uns.“   

Ebenso wichtig ist eine gute Öffentlichkeitsarbeit. Die Erfolge professioneller Integrationsarbeit sollten Politik und Medien besser bekannt sein. Das würde vielleicht den Blick der Bevölkerung gegenüber extremen Positionen relativieren. Shahhoud macht sich natürlich auch Gedanken über die Entwicklungen in Deutschland. Die Stimmung hat sich eingetrübt und die zunehmenden Abschottungstendenzen in Deutschland und Europa sind für seine Klienten bedrückend. Das mindert gleichermaßen die Zuversicht und Motivation auf Seiten der Migranten. 

Sein Kernproblem ist jedoch finanzieller Natur. Die Existenz und Zukunft der Migrationsberatungsstelle ist abhängig von jährlichen Fördergeldern des Bundes. Werden die mit Blick auf die finanzielle Notlage des Haushaltes gesperrt, stehen das Beratungsangebot und die Stellen der Mitarbeitenden von dem kurzfristigen Aus. „Angesichts der Erfolge der Migrationsberatung wäre das nur schwer nachvollziehbar. Weder von der menschlichen noch von der ökonomische Seite.“ Seine Chefin, Regina Seifert, von der Abteilung Wohlfahrt und Soziales hat bislang mit ihrem Team verhindert, dass es so weit kommt. Aber die Unsicherheit macht den Betroffenen dennoch zu schaffen.

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